Neu im Land der Wellenreiter: Ein blutender Anfänger auf Bali

by Martin
Wellenreiter - Anfänger auf Bali

Als neugeborener Wellenreiter hat man es nicht leicht: Paddelmüde Arme und vom Take Off zerschundene Knie. Blaue Flecken am ganzen Körper, weil das eigene Surfboard oder fremde Bretter mit dir kollidieren. Und Sand hinter der Pupille, wenn der letzte Waschgang ein wenig zu intensiv war. Davon kann Martin von meinlebenistne.party ein Lied singen! Der Weltreisende mit dem dramaturgischen Talent und Wortwitz eines Charles Bukowski hat zum ersten Mal Surfen auf Bali ausprobiert. Lies hier, wie es ihm in den Wellen vom überhippen Canggu ergangen ist…

Du hast einen weiten Weg hinter dir!

Der Surflehrer greift nach meiner rechten Fußsohle und gibt mir einen Schubs. In Bauchlage blicke ich auf die Mauer hinter dem Strand. Der Anhaltspunkt beim Surfspot „Old Mans“ in Canggu. Das 1UP Graffiti fest im Blick. Die Sonne brennt auf das Brathähnchen namens Martin im balinesischen Meer. Meine Arme sind angewinkelt, die Welle zischt links und rechts an mir vorbei und erfasst mein Brett. Mein Mantra beginnt: „Nicht über das Knie aufstehen.“ Ich richte mich auf. „Augen geradeaus.“ Mein linker Fuß wandert tastend nach vorne. „Balance ist alles.“ Mit skoliosem Rücken gehe ich in die Hocke. „Du hast einen weiten Weg hinter dir.“

Als ich die Welle runterfahre, breitet sich ein gewaltiges Lächeln auf meinem Gesicht aus. Ich bin ein Wellenreiter! Ich lehne mich weiter nach vorne, um schneller zu werden. Zu weit. Das Board sagt beim Abschied leise „Sampai Jumpa“ – Indonesisch für Servus. Und kurz bevor ich mit dem Gesicht auf dem Wasser aufschlage, denke ich mir: „Du hast noch einen weiten Weg vor diblblblblbplöüblblb.“

Wellenreiter - Landmarke CangguWas bisher geschah…

Mein Bruder Conrad hatte die Idee, einen gemeinsamen Surfurlaub zu machen. Wellenreiter werden? Wir könnten genauso gut einen Monat ins Mathe-Ferienlager. Davon habe ich nämlich ähnlich viel Ahnung. Mein Bild von Surfern liegt in der Klischeeschublade, die von Filmen inspiriert wurde. Ein braungebrannter, athletischer Körper mit blondgebleichtem Haupthaar, einer laschen Einstellung zu einem nine-to-five Job und einer noch lascheren Einstellung zu Einstiegsdrogen. Ich hingegen sehe aus, als würde ich mich schon das ganze Jahr aufs Mathecamp freuen.  Gemischte Textaufgaben zum Frühstück und Eckenrechnen als Workout.

Nicht ganz zu Unrecht hat Meerdavon-Bloggerin Heidi mich nach dem ersten Treffen mit einem Charakter aus American Pie verglichen. Statt Lacrosse-Ass Chris ‚Oz‘ Ostreicher hat sie aber Finch in mir gesehen. Und das nicht, weil ich reihenweise Ü50-Mütter wegcharmantisiere, sondern weil ich „am Tisch so grade sitze.“ Frauen dieser Welt: Hier ist das Asthmaspray, beruhigt euch bitte.

Und schaut euch in Ruhe das Foto von Conrad und mir (ganz links und ganz rechts im Bild) an. Unsere beiden Freunde in der Mitte sind übrigens genauso nett wie wir.

Wellenreiter - PartyZu Beginn meiner einjährigen Weltreise frage ich Freunde, Familienmitglieder und alle Menschen, die mich in der Bahn zu lange von der Seite anstarren, ob sie mich nicht irgendwo auf der Welt besuchen möchten. Conrad will Wärme. Conrad will Strand. Conrad will surfen. Conrad lebt in Köln Kalk. Das alles gibt es in Köln Kalk nur am Gegenteiltag. „Zwischen Singapur und Australien ist doch Bali“ hat er gesagt. „Da machen wir einen Surfkurs. Da werden wir Wellenreiter. Das wird spaßig.“ Weil ich Freunde in Singapur und Australien besuche, passt Bali ganz gut dazwischen. Auch geografisch. Surfen fehlt mir sowieso noch für den Lebenslauf. Soll ja keine Lücke entstehen.

Wellenreiter? Ist das nachhaltig?

Das Kima Surfcamp in Canggu wird es dann. Als hätten sich Ehrenfeld, Kreuzberg und Altona in einer Mikrobrauerei an Brennesselbionade beschwipst, die Karottenjeans runtergezerrt und organisch ein gemeinsames Hipster-Baby gezeugt: Canggu kommt mit Hornbrille und Öko-Burgershops um die Ecke. Ein letzter Rest indonesischen Charmes findet sich aber noch in den wenigen lokalen Restaurants, den zusammengewürfelten Straßen und der Tatsache, dass der Abfluss im Meer endet. Wer sich lieber volllaufen und von betrunkenen Australierinnen abschlabbern lassen will, der lernt in Seminyak das Surfen. In Canggu gibt es sowas nicht. Da lässt man sich nur volllaufen. Kein Wunder, dass man morgens in Schieflage zwischen Bierflaschen erwacht – doch seht selbst in diesem Video.

Blutender Anfänger - WellenreiterVom Surfcamp erwarte ich so viel wie von meiner Riester-Rente: ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Und das Kima Surfcamp liefert. Die Mitarbeiter sind freundlich, das Essen ist kaubar und die Bedbugs grade so gefräßig, dass sie uns upgradetechnisch vom Dormroom in die Luxusvilla katapultieren.

Fremdsprache Wellenreiter

Nicht nur bei Facebook-Singles aus meiner Umgebung bin ich kontaktfreudig. Deswegen will ich gerne die Gattung „Surfermensch“ so schnell wie möglich kennenlernen. Die Klischeeschublade zerhacken und ein eigenes Bild machen. Mein erster Kontakt mit einem echten Wellenreiter läuft dann aber bestenfalls semi ab.

„Hey“, sage ich schüchtern zu einem Mann, der sich grade seines Lycra-Shirts entledigt.

„Hey“, quetscht der Surfer aus dem Mund, während er seinen Arm aus dem Ärmel quetscht.

„Grade angekommen. Ich bin Martin. Ich bin aus Deutschland. Wie ist das werte Befinden?“, gehe ich das Gespräch etwas aktiver an.

„Geht“, geht der Surfer das Gespräch etwas gleichgültiger an.

„D-du bist schon länger hier?“ Meine Unsicherheit steigt.

„… .“ Der Surfer sagt original nichts und zieht das enge Oberteil über den Kopf.

Etwas ratlos durchleuchte ich meine äußere Hirnrinde nach einem kleinen Angelhaken, um mein erstes Aufeinandertreffen mit einem Wellenreiter nicht in einer Sackgasse enden zu lassen. Der Mann kommt grade aus dem Meer. Das Meer ist nass. Um genau zu sein, ist das Wasser nass. In dem Wasser gibt es Wellen. Auf den Wellen surft man. Frag was zu Wellen! Vielleicht etwas Intelligentes wie „Na, Buddy? Gab es heute auf offener See einen kleinen Luftdruckunterschied, der die Wassermoleküle in Bewegung setzte, gefolgt von einem Luftwirbel im Wellental, der dafür sorgte, dass du mit einem Stück Plastik auf dem Wasser standst?“ So wird er herausfinden, dass ich mich vorbereitet habe. Lernen ist uncool. Wie kann ich mit dem Menschen ins Gespräch kommen?

Ich fasse alles Gedachte in einem Wort zusammen: „Wellen?“

Wellenreiter - SlangUnd es hat „Platsch“ gemacht…

Das Gesicht des Surfers dreht sich langsam zu mir. Seine Pupillen weiten sich. Lächelnd fängt er an zu reden.

„Boah ja ey. Was'n Swell da heute reingeknallt ist! Bei Lowtide barreln die bei dem neuen Spot teilweise. Heute hatte ich so einen Mörderbrecher dabei. Ich häng da im Line Up und chille so. Aber dann plötzlich bam bam bam. Kommt da ein Set nach dem anderen. Vier fünf Feet hoch. Die erste war so sweet…“

Ich verstehe nichts und nicke trotzdem. So, wie wenn man sich in der Disko bei viel zu lauter Musik mit einem Mädchen unterhält.

„… aber die dritte und die vierte, Junge, ich sag dir: HAMMA! Hab grade erst ne neue Fin dran. Gestern annem Shorebreak abgeshreddert. Scheiße ey. Die sind so teuer und du musst immer'n ganzes Set kaufen. Wär das nur'n Ding gewesen kein Problem aber komplette Fin abgebrochen. Aber die vierte Welle. Fast'n Nosedive. Balancier mich noch aus. Muss aber trotzdem pumpen wie'n Bekloppter…“

Was passiert hier gerade? Hallo, Herr Wellenreiter? Seine Wörter zerfließen und die Sätze werden zu einem großen Schwall.

„…wellenwellenwellen CUTBACKS wellenwellenwellen MEGAWELLE wellenwellenwellen LETZTEWOCHEWARSOGEIL wellenwellenwellen GOOFY…“

„Ach so. War also gut“, versuche ich das Mädchen in der Disko langsam zum Schweigen zu bringen.

„wellenwellenwellenwellenwellen ALTER wellenwellenwellen“

„O-okay. Ich check dann mal ein.“

Surfer reden also gerne über Wellen. Ist abgespeichert.

Aller Anfang ist schön

Im Theorieteil des Anfängerkurses erklärt uns der Surflehrer dann tatsächlich, wie Wellen und das Surfen an und für sich funktionieren. Selbstverständlich habe ich schon mal von „Swell“, „Line Up“ und „Goofy“ gehört. Eben noch mit einem richtig guten Kumpel drüber gefachsimpelt (er vom Fach, ich der Simpel).

Am ersten Tag gehen wir raus in die Weißwasserwellen und ich muss jetzt etwas loswerden, was die surfaffinen Leser von Meerdavon möglicherweise nachvollziehen können: Surfen macht schon auch Spaß. Auch, wenn es nur die paar Makrosekunden sind, die man am ersten Tag in schildkrötiger Geschwindigkeit am Beachbreak auf dem Brett steht. Alle warnen immer davor, dass Heroin nach einmaligem Verzehr abhängig macht. Surfen ist da voll auf Level. Der einzige Unterschied: man bekommt einen gesünderen Teint.

Wellenreiter - StokeNur das schäumende Meer, dein Beginnerboard, deine wackligen Knie und der Helm, den du aus versicherungstechnischen Gründen tragen musst. Ich komme mir vor wie der pickelige Junge, der die Zahnspange außen um den Kopf trägt und trotzdem mit den coolen Kids spielen darf. Ich atme das Surferfeeling ein. Dann atme ich zwei Liter Salzwasser ein, weil oben eben noch unten war.

Trial and Error (and Error and Error)

Die nächsten Tage und Wochen bin ich entweder im Wasser oder im Krankenstand. Meine Rückenmuskulatur ist bis an den Rand der Unkenntlichkeit verkümmert, weil ich jahrelang stumpf vor dem PC gesessen habe. Durch regelmäßiges ins-Wasser-fallen hat meine Wirbelsäule inzwischen die Form von dem Krikelakrakel, das man vor sich hindoodelt, wenn man in der Warteschleife seiner Krankenversicherung hängt. Sobald es mir besser geht, stehe ich aber wieder auf dem Brett. Beziehungsweise bin ich Leonardo DiCaprio im letzten Drittel von Titanic. Nur wärmer. Ich halte mich im Meer an einem schwimmenden Objekt fest, von dem ich weiß, dass es mich auch tragen könnte und saufe trotzdem ab.

Aber die Waschmaschinengänge, die aufgeschürften Knie, die brennende Lunge und die Boards, die mir gegen den Hinterkopf karambolagieren bleiben weiterhin Ansporn. Ich spiele „Schweinchen in der Mitte“ mit meiner Frustrationsgrenze. Wenn etwas funktioniert, dann freue ich mich, weil ich mit hoher Wahrscheinlichkeit der größte Surfer bin, der je die sieben Weltmeere bereiste. Wenn ich einen Fehler mache, freue ich mich, wenn ich wieder hustend an die Wasseroberfläche zurückkehre. Diesen Fehler muss ich ab jetzt nur noch 99 Mal machen, dann hat es selbst der größte Wellenreiter aller Zeiten verstanden. Hier der Videobeweis (zum Abspielen Klicken).

Blutender Anfänger - Wellenreiter auf BaliDas Meer ist weder dein Freund, noch dein Feind. Es ist dein Herausforderer. Bietet dir für ein paar Momente einen Huckepack an. Und Huckepack macht Spaß. Wenn man aber zu leichtsinnig ist, fällt man runter und ähnlich wie beim gescheiterten Fahrradfahren oder beim missglückten Geschlechtsverkehr hält man sich kurz das schmerzende Knie (oder andere Körperteile) und rekapituliert. Das Einzige, was hilft, sind die drei großen Huckepacks, die da am Horizont wieder auf dich zurollen.

Paddle like Genderunabhängigkeit

Im testosterongeschwängerten Lager der indonesischen Surflehrer kriegt man die traditionelle asiatische Rollenverteilung jeden Tag auf die Ohren. Wenn ich versuche, ins Line Up zu paddeln, sehe ich aus wie das menschliche Äquivalent einer angeschossenen Landschildkröte, die es mit dem Ischias hat und fälschlicherweise ins Meer geworfen wurde. Was ich sagen will: Ich komm nicht von der Stelle. Jedes Mal, wenn ein Surflehrer das Geplansche sieht, ruft er: „Don’t paddle like a girl. Paddle like a man.“

Das ist so politisch korrekt wie Donald Trump und wurde nur ein einziges Mal korrigiert: Meine massiven Männerarme kreisen – wie immer – mit wenig Technik und viel unnötiger Kraft durch das Meer, während der Surflehrer zu mir rüber brüllt „Don’t paddle like a girl.“ Aus der Entfernung höre ich, wie es überall Feministinnen die Fußnägel aufrollt. In dem Moment paddelt ein kleines asiatisches Mädchen lockerleicht mit 15 Knoten an mir und dem Surflehrer vorbei. „No wait”, ruft er. „Paddle exactly like that girl.“ Ich lache. Er lacht. Das Mädchen paddelt. Ich weine, weil meine Arme wehtun.

Wellenreiter - PaddleDie große Welle kommt noch

Inzwischen kann ich mit den anderen Surfern normal reden und man glaubt es kaum: Die Wellenreiter aus dem Surfcamp haben nur teilweise braungebrannte, athletische Körper. Manche von ihnen haben Jobs. Die lasche Einstellung zu Einstiegsdrogen kann ich nicht überprüfen, da die balinesische Polizei keine lasche Einstellung zu Einstiegsdrogen hat. Ihr Surfer seid, alles in allem, normale Menschen. Gut gemacht. Weiter so.

Die Leute, die schon jahrelang Canggu als ihren Homespot besuchen, erzählen immer wieder davon, in welcher rasanten Geschwindigkeit die Insel und die Städte ihr Gesicht verändern. Die Infrastruktur wird verstärkt und es werden zusätzlich über ein Dutzend riesige Hotelkomplexe rund um Bali gebaut. Schon jetzt ächzt die ganze Insel unter den Touristenmassen. Statt Kläranlagen ist die einzige Nachhaltigkeit, die in die Planung des Ferienparadieses einfließt, größere Portemonnaies. Schon jetzt kann man an verschiedenen Spots nur noch surfen, wenn man ohne Augen und ohne Nase geboren wurde. Und am besten ohne Geschmackssinn. Und wenn wir schon dabei sind ohne Tastsinn. Kot ahoi.

Wellenreiter - Bali TraditionellDie Hotelketten teilen die Insel untereinander auf. Sie sitzen zusammen am Tisch wie Mr.Creosote im gleichnamigen Monty Python Sketch. Ich sitze auf meinem Board im Line Up am Old Man zwischen mehr als 50 anderen Surfern. Jeder will Spaß. Jedem sei es gegönnt. Aber wenn nicht bald der Schlussstrich gezogen wird, dann verwandelt sich der Sport, bei dem es darum geht, Freude zu verspüren, zu einer Prügelei. Zwischen mir und meinem Bruder. Am Ende weint einer. Und es ist nicht Conrad.

Surfendorphine

Meine erste Surferfahrung ist aber durchweg positiv. Den Körper geschunden, dabei aber die Seele stimuliert. Es war sicherlich nicht das letzte Mal, dass man mich mit einem Brett gesehen hat. Vielleicht nicht auf Bali, da ich nicht Teil der Massenausbeute sein möchte. Die Einwohner spüren den Wandel auch, bleiben aber optimistisch.

Auf die Frage, warum denn jeder Balinese den ganzen Tag lächelt, erwidert mein Surflehrer: „It’s easier to make friends.“ Und Recht hat er. Die Einwohner Balis haben mich komplett begeistert. Jeder hat zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Lächeln übrig. So wie am Gegenteiltag in Köln Kalk. Conrad holt schon mal das Brett raus. Schach ist ja irgendwie auch Extremsport.

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1 comment

Leni 14. November 2020 - 23:29

Herrlicher Text!! Durchgängig kaputt gelacht beim Lesen!

“Als hätten sich Ehrenfeld, Kreuzberg und Altona in einer Mikrobrauerei an Brennesselbionade beschwipst, die Karottenjeans runtergezerrt und organisch ein gemeinsames Hipster-Baby gezeugt: Canggu kommt mit Hornbrille und Öko-Burgershops um die Ecke.” Und ziemlich genau so stelle ich es mir vor, ohne jemals da gewesen zu sein 😉

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