Schottland Roadtrip: Auf Abenteuerfahrt zwischen Bergen und Meer

by Heidi
Schottland Roadtrip

Ein Surftrip nach Schottland im Campervan? Klingt exotisch, und es ist was dran. Einerseits steht bei den meisten Touristen, von denen es gerade im Sommer in Schottland nur so wimmelt, andere Dinge als Wellenreiten auf dem Plan: Wandern in den Highlands, Schlösser angucken, Nessie suchen und Whiskey Tastings. Andererseits ist über den launischen Surf vergleichsweise wenig bekannt: Anders als in Portugal, Frankreich, Spanien und sogar England ist in Schottland noch nicht alles perfekt kartographiert und abgefahren. Das soll dieser Artikel auch nicht ändern. Denn:

Was macht den Zauber von entlegenen Gebieten aus? Die Einsamkeit und die Suche nach Wellen, mit allen Frustmomenten und seltenen Glücksgriffen, die sich ins Hirn einbrennen. Aber auch das Gefühl, dass Surfen und ein hoher Wave Count nicht alles sind – weil man nur aufs Wasser starrend wirklich viel verpasst. Im Camper schrubbten wir endlose Kilometer, jagten vermeintliche Swells, und fanden nicht immer Surfbares. Doch das war egal, denn das Drumherum macht es wett.

Darum verzichte ich hier bewusst auf die Nennung von Orten und Spots in Schottland – um sie noch lange mit Menschen teilen zu können, die selbst gern auf Entdeckungstour gehen. Stattdessen erzähle ich, was das Land der Karos, Whiskeys und vielen Schafe ausmacht. Begleite uns, wie wir den letzten Schottland Roadtrip Revue passieren lassen – bei dem Surfen eher eine Nebenrolle gespielt hat.

1.  Hin- und Umherkommen in Schottland: Der Weg ist das Ziel

Schottland nimmt das nördliche Drittel vom United Kingdom ein und wird im Osten, Norden und Westen vom Atlantik umsäumt. Außerdem gehören so einige Inseln dazu. Soll heißen: Hier sind die Wege weit und die Möglichkeiten auf vier Rädern endlos. Vom europäischen Festland starten wir immer mit dem Camper (früher ein weißes Wohnmobil von den Schwiegereltern, heute ein eigener grasgrüner Van) und viel Zeit im Gepäck – zum Abklappern schöner Orte und allein damit sich die längere Anreise auch lohnt. Alles beginnt mit einer Fährfahrt.

Günstig (ab 60 Euro pro Strecke) und schnell ist die Fähre vom französischen Calais nach Dover in Südengland. Bleib hier, wenn du nur zwei Wochen Zeit hast, und fahr rüber nach Cornwall – dort sind Surfspots leicht zugänglich und nah beieinander. Ansonsten gewöhnst du dich bei über 1.000 Kilometer Fahrt bis zur schottischen Küste gut an den Linksverkehr. Wer die lange, teure Fährfahrt von Holland bis ins schottische Newcastle (ca. 500 Euro pro Strecke) vorzieht, muss eine Übernachtung in der Kabine aka Konservendose dazu buchen. Selbst dann hast du noch viel Fahrt bis zur lockenden Küste vor dir.

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Schottland Fähre: (1) Offenes Meer, (2) Sunset am Oberdeck, (3) English Brekkie, (4) Anlegen an Land

Schottland-Route: Ein bisschen Plan schadet nicht

Ein Reiseplaner hilft, um nicht völlig planlos durch die Gegend zu fahren. Alles auf einmal schafft man sowieso nicht, also heißt es Prioritäten setzen. Wir überlegten, was uns interessiert, und entwarfen eine grobe Route. Unsere Highlights waren Glasgow und Edinburgh, die majestätischen Highlands, sowie altertümliche Burgen und Schlösser. Davon gibt’s über 300 in Schottland, was etwa einem pro 100 km2 entspricht. Auf der Route lagen außerdem jede Menge Lochs – so nennen Schotten stehende Gewässer und Meerengen – sowie Distillerien und hübsche Dörfer. Mit efeubewachsenen Kirchen, gepflasterten Gassen, Micro Breweries und Mini-Boutiquen hätten sie Kulisse kitschiger Liebesfilme sein können.

North Coast 500 und die Inseln

Küste und Berge, Kultur und Einöde, Dörfer und Städte: Von allem etwas bietet die North Coast 500 (NC 500), das Pendant zum irischen Wild Atlantic Way bzw. zur amerikanischen Route 66. Ab Inverness führt die kreisförmige (und extrem beliebte!) Strecke über 500 Meilen an der Ost-, Nord- und Westküste entlang. Unterwegs führt sie an einigen Beach- und Reefbreaks vorbei. Von Fährhäfen der NC 500 werden außerdem die schottischen Inseln angesteuert, von denen über 800 die Küste säumen. Wer Surfen und Einsamkeit will, der sucht sich ein Eiland aus, das dem offenen Meer ausgesetzt ist.

Schottland Inseln

2. A wee bit of everything: Was Schottland zu bieten hat

Das Schöne an Schottland ist, dass man sich nicht auf eine Sache konzentrieren muss. Einsamkeit, Highlife, Kultur, Natur, und vielleicht ein wenig Surf gepaart mit krassem Wetter: All das kann man kombinieren. Eben a „wee bit of everything“ – wie der Schotte sagen würde!

2.1 Schottland und Sonnenanbeter: (K)eine gute Kombi?

Wer das erste Mal nach Schottland fährt, stellt garderobentechnisch einige Überlegungen an: Regnet es genauso viel wie in England? Wird’s selbst im Sommer frisch werden? Sagen wir es so: Jein. Für die Schotten sind 50mph Wind jedenfalls noch eine „leichte Brise“ und ab zweistelligen Temperaturen packt man die Sommerklamotten aus.

Wetter in Schottland: An einem Tag ist alles möglich

Schotten scherzen, dass du bei ihnen an einem Tag alle Jahreszeiten erleben kannst. Selbst Hochsommer. „Ooof, we have 29 °C!!! Too much for us Scots!” Diese Nachricht erreichte uns Ende Juni, als Deutschland die 40 Grad-Marke knackte, von unserem schottischen Buddy Neill. Wir hatten uns exakt ein Jahr zuvor beim Vogelgucken an der Klippe angefreundet – machste hier halt so. Damals war es windig und nass. Tatsächlich ist der Klimawandel auch in Schottland spürbar, mit sommerlichen Hitzeperioden weit über die sonst durchschnittlich 15 °C hinaus. Trotzdem bleibt das Wetter wechselhaft und Regenschauer gibt’s irgendwie immer.

Sommer in Schottland: Das kann Sonne und freshes Schwimmen im Meer bei 14 °C im Badeanzug bedeuten, oder aber Surfen mit 4/3er Neoprenanzug, Boots und Haube bei Regen und stürmischen Wellen. Je nachdem, wo du bist und wie der Wettergott gerade drauf ist. 

Im Winter, so unser schottischer Buddy Neill, will man bei um die 2°C mit viel Sturm und Dauerregen übrigens wirklich nicht in Schottland sein. Dann schon eher im milderen Frühling oder Herbst, die je nach Region mit Durchschnittstemperaturen von 7°C aufwarten.

Schottland Wetter
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Schottland Wetter: (1) Verlässlicher Forecast, (2) Heißer Sommer, (3) Kühler Sommer

Divenhaft: Typisches Schottland-Wetter

Sonne und Regen, strahlend blauer Himmel und sturmartige Unwetter: Das Klima ist in Schottland auf Festland als auch Inseln launisch. So erlebten wir es auf unseren Roadtrips, immer zwischen Juli und September. Wir fuhren durch dunkelgraue Wolkenwände, um zu spektakulären Sunsets an der Küste raus zu kommen. Stapften im strömenden Regen unter ungläubigen Blicken der Schafe über Wiesen, weil wir von Weitem Wellen hatten brechen sehen. Und griffen zitternd nach Anti-Kotz-Tabletten, als die winzig-kleine Fähre von meterhohen Brechern überspült wurde – während sich die schottischen Matrosen nur stoisch das Wasser aus dem Gesicht wischten.

Krasses Wetter mit viel Regen hat aber definitiv auch schöne Folgen: Die Landschaften sind saftig-grün, bei grauem Himmel strahlt das Meer in unwirklichem Türkis, und immer wieder tauchen Regenbögen auf. Da macht es einem nichts aus, eine warme Mütze, Wollsocken sowie die wasserfeste Regenmontur (Jacke, Hose, Schuhe) stets griffbereit haben zu müssen.

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Sonne und kein Wind, dafür aber Stechmücken

In Schottland hat das Wetter noch eine ungewöhnliche Komponente, die einem kräftig die Laune vermiesen kann: Midges! Die winzigen schwarzen Stechmücken tauchen in Wolken auf, sobald es draußen mild und halbwegs windstill ist. Leider lachen sie sich über fast jedes Mückenmittel schlapp – egal ob „Smidge Off“ oder „Avon Skin So Soft“, der Geheimtipp der Schotten. Wenn dir also Leute mit Imker-Netz auf dem Kopf begegnen, dann weißt du – der Midges Alert sieht mal wieder bescheiden aus und die „Wee Little Buggers“ treiben ihr Unwesen.

2.2 Schottland für Naturisten: Krasse Kulissen und einmalige Tierwelt

Braveheart trifft auf Otto: So lassen sich die Eindrücke von Schottlands vielseitiger Landschaft zusammenfassen. In den grün bewachsenen Highlands rechnet man jeden Moment damit, dass Mel Gibson im Schottenrock durch die Botanik rennt, und im tiefliegenden Brachland mit den Salzdünen fühlt man sich fast wie in Ostfriesland. Beides hat seinen Reiz!

In den Highlands stolperst du mancherorts über Horden von Wanderern in schicksten Outdoor-Klamotten, auf „Into the Wild“ Mission mit Selfie-Stick. Doch ein paar Kilometer weiter wartet auf Nebenstraßen absolute Ruhe. An einem einsamen Loch, das wie ein Spiegel die Wolken reflektiert, an einer Schlossruine neben Wildblumen oder mit Blick auf ein Tal, das aus einer James Bond Szene stammen könnte – und es auch tut.

Ein krasser Gegensatz sind die Lowlands manch schottischer Insel: Superflache Landschaften an den Küsten, mit endlos weitem Blick über Marschland, Dünen, Meer und Moor. Weit und breit ist kein einziger Baum zu sehen, und der Wind fegt ungehindert. Hier sind die Farben besonders intensiv – der weiße Sand, die grünen Wiesen und das blaue Meer.

Schottland - Highlands und Lowlands
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Schottlands Szenerien: (1) Highlands, (2) Lowlands, (3) Lochs, (4) Uriges Croft-Häuschen

Ebenfalls beeindruckend ist Schottlands Tierwelt. An Land regeln Hochlandrinder mit wilder Zottelmähne und flauschige Schafe den Verkehr. Dann heißt es gemütlich abwarten, bis die Karawane den Weg auf den einspurigen Straßen und Bergpässen freigibt. Je nach Jahreszeit tummeln sich unzählige Vogelarten: Wie an Klippen lebende Puffins (Papageientaucher), raketenartig ins Meer stürzende Gannets auf Fischfang oder Fulmare, die aufdringliche Besucher gern anspucken.

Selbst im Wasser ist es beim Bootfahren oder Surfen spannend: Weil Robben mit am Start sind, oder weil du weißt, dass irgendwo unter dir Basking Sharks (Riesenhaie) schwimmen. Keine Angst: Die fressen nur Plankton und sind laut lokalen Muschelfischern sehr verspielt.

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Tierische Sichtungen: (1) Zotteliges Highland Cattle, (2) Puffin (Papageientaucher)

2.3 Schottland für Insulaner: Einsam kannste haben

Robinson Crusoe Ambitionen? In Schottland bei über 800 Inseln kein Problem. Wir suchten uns ein paar davon aus, weil wir es nach der Tour über das „Festland“ noch gemütlicher und wellensicherer wollten. Hat auch prima geklappt! Teils war es so ruhig, dass wir tagelang keine Menschenseele und mehr Schafe als Insulaner trafen. Später auch nette Locals. Ihre Pfade mussten wir nur erst einmal kreuzen. 

Du kommst hier nicht hin… oder weg

An Mini-Flugzeug oder Fähre führt kein Weg vorbei. Kleine Flughäfen gibt’s auf Schottlands Inseln nur sehr selten. Auf einer dient eine Art Bushäuschen als Terminal und die Landebahn liegt auf dem Sand, wo Mini-Maschinen nur bei Ebbe ankommen – sonst ist das Rollfeld geflutet. Camper interessiert aber sowieso eher die Fähre. Die fährt zu den meisten Inseln mit ihren wenigen Hunderten bis Tausenden Einwohnern allerdings nicht täglich und fällt bei schlechtem Wetter auch mal aus.

Biste einmal da, kommst du vielleicht so schnell nicht wieder weg. Das spürte ich, als ich mir bei einem Unfall die Nase brach – was der joviale Inselarzt nebst Schwester schulterzuckend und per Augenmaß („Yeeeees, looks broken“) bestätigte. Ein Röntgen-Gerät hatte er leider keins, vom Werkzeug zum Richten ganz zu schweigen. Dafür hätte ich aufs Festland gemusst, aber die Fähre war wegen einer Viehauktion tagelang mit Paarhufern ausgebucht. Shit happens!

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Insel-Koller: (1) Gestrandet, (2) Mini-Airport, (3) Fine Dining: Muschelbrot und Ginger Beer, (4) Viel Verkehr

Auch bei Events wie angesagten Rockkonzerten auf dem schottischen Festland, wo nun mal jeder Insulaner hin will, ergatterst du spontan vielleicht keine Fähre. Oder weil ein Sturm dazwischenkommt. Genauso schafften wir es bisher nicht, im 10-Personen-Restaurant auf unser schottischen Lieblingsinsel einen Tisch zu ergattern – denn es ist wochenlang im Voraus ausgebucht. Next time!

Analoger oder digitaler Kontakt?

Auf spärlich bewohnten Flecken siehst du selten Häuschen in der Einöde stehen, dafür aber jede Menge Schafe und Rinder. Begegnen dir mal Menschen mit dem Auto oder zu Fuß, wird immer gegrüßt und für einen netten Schnack nimmt man sich Zeit. An der Supermarktkasse und Tanke, auf der Straße oder in freier Natur nach halbwegs interessiertem Blickkontakt. Einsam sein kann man früh genug wieder! Sonntags, am „heiligen Sabbath“ auf manch schottischer Insel, haben Geschäfte geschlossen und die Bürgersteige sind hochgeklappt. An dem Tag sollte man sich Wäsche aufhängen, Toben und Wildcampen lieber sparen!

Was alle digitalen Nomaden interessiert: Zum Online arbeiten können die schottischen Inseln herausfordernd sein. Eine lokale Daten-SIM-Karte (Tipp: Prepaid vom Anbieter EE) ist am Festland schnell organisiert, aber die Netzqualität schwankt stark. In unserem Camper hatten wir auf der Fahrt über die einspurigen Sträßchen im Minutentakt mal LTE und 3G, mal Edge und mal nüscht. Dann ist Digital Detox (siehe Foto oben) oder der Gang in ein Community Center mit Public WLAN angesagt, und alle dringenden Aufgaben müssen eben warten.

2.4 Schottland für Surfer: Nur die Harten kommen in den Garten

Du willst viele Wellen haschen, ohne groß zu suchen, bist eher eine Frostbeule sowie ein Surfanfänger – kommst also nicht bei allen Bedingungen sicher alleine klar? Dann fahr nach Frankreich oder Portugal, aber nicht nach Schottland. Hier musst du mehr und selbstständiger nach Wellen suchen, weitere Wege in Kauf nehmen und dich auf frische Temperaturen einstellen. Selbst im Sommer sollte es ein warmer 4/3er Wetsuit sein, und eine separate Haube und Schuhe für kühl-windige Tage. Viele Locals surfen ganzjährig sogar dickere Wetsuits und tragen im Sommer die Haube im Nacken.

In Schottland ist „The Search“ Programm

Was heute in manch Surffilmchen wildromantisch dargestellt wird, ist in Schottland Realität: Die Suche nach Spots und laufenden Wellen. Zwar ist die Auswahl an Beach und Reef Breaks dank der enormen Küstenlinie und vielen Inseln sehr groß, aber das nötige Wissen lässt sich vergleichsweise schwer aneignen. Zu checken, wo es gerade gut läuft, wie zum Geier du dorthin kommst und wo du zur Not eine Ersatzfinne oder eine neue Leash herkriegst, wird dich ordentlich Gehirnschmalz kosten. Dass der Typ von der Tankstelle gleichzeitig einen kleinen Surfshop betreibt, steht zum Beispiel nirgendwo geschrieben – du musst es aus erster Hand erfahren.

In Schottland gibt es kaum bequeme Surfinfrastruktur aus Surfschulen und Surfcamps, die ihre Schützlinge an die lokalen Breaks heranführen und den „Suchjob“ übernehmen. Man ist also selbst gefragt, Landkarten zu studieren, Surf Forecasts zu interpretieren, die passenden Tiden herauszufinden und mit Locals über gute Wellen ins Gespräch zu kommen. Die musst du an einem Spot nur erstmal treffen und langsam kennenlernen: Lächeln, nett grüßen, ein wenig plaudern, Respekt im Line Up zeigen. Beim ersten Date würdest du dein Gegenüber ja auch nicht gleich nach allen Geheimnissen ausfragen, oder? Eben!

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Schottischer Sommersurf: (1) Nebliger Nieselregen, (2) Brachiale Welle, (3) Kalte Pfoten

Selbst wenn du einige Kilometer gefahren bist und weißt, wo die Welle sein müsste, ist das Hinkommen teils herausfordernd. Die schönsten Spots sind nirgendwo eingezeichnet, von der Hauptstraße nicht einsehbar, und verbergen sich am Ende kleiner Schleichwege oder hinter Viehgattern. Ob du hier durch darfst? Steht nicht immer explizit dran. Oft wird es geduldet, aber man tut gut daran, vorher einen Anwohner zu finden und zu fragen. Wichtig: Viehgatter immer schließen, damit Kuhherden und Schafe nicht ausbüxen! Und Hunde an der Leine halten.

Krasser als anderswo: Tiden, Wind und Grusel

In Schottland ist so einiges intensiver. Das Meer ist blauer, das Wasser kälter, die Klippen grüner, die Schafe flauschiger. Und der Surf aus diversen Gründen ein bisschen krasser:

  • Einsamkeit. Abgesehen von wenigen bekannten Spots freut man sich, überhaupt andere Surfer zu treffen. Das ist praktisch, wenn du auf einem Riff z.B. keine Ahnung hast wo es rein geht – und wo versteckte Felsen sind. Gar keine Mitstreiter sind eben auch nix…
  • Strömung. „Geh hier lieber nicht rein, sonst landest du wahrscheinlich in Island.“ Ohne Witz, die Strömung kann an einigen schottischen Spots stark sein. Gelegentlich vorhandene Warnschilder, surfende Locals und Kennen der Anzeichen von Strömung helfen bei der Spot-Einschätzung!
  • Tidenhub. In Schottland beträgt der Unterschied zwischen Ebbe und Flut mehrere Meter. Zur Lowtide liegen manche Buchten quasi trocken, zur Hightide ist dann viel zu viel Wasser im Teich. So schwanken die Surfbedingungen je nach Tidenstand stark.
  • Wetterwechsel. Beim Surfen siehst du manchmal vor lauter Nebel das Meer nicht, um dann von Sonne, Regen und (hoffentlich) dem Blick auf Wellen überrascht zu werden.
  • Wind. Manche Inseln sind so flach, dass heftiger Wind ungehindert drüber fegt. Dort tummeln sich Kiter, Windsurfer und Shortboarder (!) mit Paddel. Auch am Festland kann es manchmal ziemlich stürmisch sein – eine Haube ist dann praktisch.
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Echt schottisch: (1) Wetter, (2) Einsames Muffensausen, (3) Friedhof am Spot, (4) ordentlich Wind

Der Surf in Schottland hat außerdem einen gewissen Gruselfaktor: Viele Spots und Parkplätze liegen unmittelbar in der Nähe von Friedhöfen. Und an der Nordküste „strahlen“ manche Strände besonders, weil ein (kein Witz) altes Atomkraftwerk radioaktive Partikel herüberspült. 

Swell? Vielleicht zu wenig, vielleicht zu viel…

Surf Forecasts sind höchstens für bekannte Spots verfügbar und nur als Tendenz zu verstehen. Was letztlich in den Buchten ankommt, entscheidet wahrscheinlich das schottische Fabelwesen Selkie, eine Mischung aus Mensch und Robbe. Selbst Surf Seasons – sanfte Sommer, konsistenter Frühling und Herbst, krass ballernde Winter ­– sind nicht in Stein gemeißelt. Wir erlebten im Spätsommer schon Points und Riffe, die so gut feuerten, dass sich jeder Surfer verwundert die Augen rieb, und schnell ins Wasser sprang. Genauso wie viel zu große Wellen und wochenlang flache Perioden.

Alles ist möglich: (K)ein Swell und (k)ein Wind aus Nord, West oder Ost. Gut wenn man mit Geduld, Zeit, Connections und einem fahrbaren Untersatz ausgestattet ist – und sich selbst über unperfekte Wellen freuen kann.

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Moments: (1) Seltenes Glas, (2) Reefy Pleasure, (3) Wird schon… (Foto 1 und 2 by Felix Schulte)

Bei jedem Trip hatten wir geschätzt nur eine gute Session pro Woche. Oft waren die Wellen mauschelig. Teils klein, teils furchterregend groß und kraftvoll, nur selten genau richtig. Aber egal wie die Bedingungen waren: Auf Quantität und Qualität kam es nie an, sondern nur um das Gefühl, umgeben von Klippen wieder im Wasser zu sein. Die Handvoll Surfer, die man traf, fand‘s immer klasse. Hey, Surfen ist nur ein Sport, und die Natur der Boss! Superselten gab’s eine Traum-Session, wo wir plötzlich genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort vor glassy Bilderbuchwellen standen. Solche Momente bleiben für immer im Kopf.

2.5 Schottland für Kulturfans: Locals und Traditionen

Für mich führt der Zugang zu einer Kultur am besten, indem man mit den Menschen ins Gespräch kommt. Über die Schotten hat jeder wahrscheinlich schneller ein Bild im Kopf, als man „Dudelsack“ sagen kann: Schwer zu verstehende Rockträger, die Haggis und Whiskey lieben. Zum Glück stimmt davon einiges! Denn ihre liebenswerten Eigenarten machen die Schotten zu Leuten, mit denen man wirklich gerne abhängt. 

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Gaellisch und ein wenig Aberglaube

Gaellisch, die keltische und von Irland nach Schottland herüber geschwappte Mundart, klingt für ungeübte Ohren etwas nuschelig. Sie wird heute gerade in den Highlands und auf den Inseln noch gern gesprochen, während die Lowlands dem „Scottish English“ verhaftet sind. Doch auch hier gibt es abenteuerlich klingende Akzente. Macht aber nix, und ist auch nicht anders als Sächsisch oder Bayrisch! Wer die Lauscher spitzt, wird die Schotten verstehen. Sie freuen sich derbe, wenn du das „Ch“ („Lok“ statt „Loch“) schön hart aussprichst. It’s the wee things that count…

Wenig überraschend: Schotten sind abergläubisch. Nessie? Könnte existieren. Verkleidungen an Halloween? Stammen vom schottischen Shamrain-Fest ab, um unerkannt unter Geistern zu wandeln. Morgentau im Mai? Ins Gesicht damit, hält jung! Und das sind nur einige spannende Anekdoten

Da passt es gut, dass J.K. Rowling in Edinburgh’s Cafés auf ihre Stories gekommen sein soll und manchen Szenen von „Harry Potter“ tatsächlich in Schottland gedreht wurden – der „Hogwarts Express“ fährt hier wirklich herum! Lord Voldemort hin oder her: Auffällig ist, dass die Schotten ein anderes Verhältnis zum Tod haben bzw. es leicht morbide mögen. Zum Chillen sitzt man in Edinburgh gern mal auf dem Friedhof, der direkt im Wohnviertel (genauso wie an Stränden) liegt, Kunst darf sehr speziell sein, und in vielerorts finden „Ghost Tours“ an beliebten Spukschauplätzen statt.

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Übersinnlich: (1) Hogwarts Express bei Fort William, (2) Cemetery im Wohnviertel, (3) Kelvingrove Museum

Karos und Gemeinschaftsgeist

Jeder schottische Clan hat eigene Tartans (Webstoffe mit Karomuster), die z.B. von den Herren als fescher Kilt (Schottenrock) inklusive Sporran (Umhänge-Geldbeutel) getragen werden. An Feiertagen, beim Baustammwerfen zu den sommerlichen Highland Games, oder zum Ausgehen. Bei Bands wie den Red Hot Chilli Pipers ist das gepflegte Beinkleid quasi Pflicht und ein handgefertigter Luxus, der nichts mit den billigen Stöffchen im Souvenir-Laden zu tun hat.

Was uns an den Schotten aber noch viel mehr beeindruckt, sind ihren starken Werte. Sie sind extrem herzlich, bodenständig und offen: Man kommt schnell ins Gespräch und kann Freunde fürs Leben finden. Wir trafen winkende Kids und Locals, die uns zum Essen nach Hause einluden, sowie super-entspannte Profi-Surfer, die jeden im Line Up anfeuerten. Generell achten die Schotten aufeinander – logisch, mancherorts gibt’s mehr Schafe als Menschen.

Der schottische Gemeinschaftsgeist spiegelt sich in den Community Centers wider, die in abgelegen Gegenden als Mischung aus Tante-Emma-Laden, (Internet) Café, Wäscherei und Club dienen. In mobilen Büchereien auf vier Rädern, die abgelesene Werke zu allen Nachbarn bringen. Oder in den vielen Second Hand Stores, die Schätze bergen und Erlöse an gemeinnützige Organisationen spenden.

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DIY: (1) Treibholz-Kunst, (2) Kartoffelernte, (3) Seife und Schale aus alter Boje, (4) Rollende Bibliothek

Die Schotten teilen gern und nutzen Ressourcen auf nachhaltige Weise. Gerade in ländlichen Gegenden wird nichts weggeworfen: Vor einfachen Croft Häuschen stehen alte Badewannen (perfekte Viehtränke) und dekoriert wird mit alten Fischer-Bojen. Selbstgemachtes steht hoch im Kurs: Egal ob Kuchen, Hochprozentiges und Herzhaftes, Getöpfertes, Schnitzereien, Textilien aus Schafswolle oder allerlei Kunst. Kein Wunder – für Kreative ist die Landschaft enorme Inspiration, und irgendetwas muss man beim vielen Regen ja tun 😉

Kulinarisches und Feste

Klassische Schmankerln aus dem United Kingdom wie English Breakfast oder Scones kommen auch in Schottland auf den Tisch. Typisch schottisch ist dagegen Haggis aus Schafsinnereien – klingt nicht so, ist aber lecker! Haggis wird wie gebratenes Hackfleisch mit „Tatties’n Neeps“ serviert, je einem Klecks Kartoffel- und Rübchenpüree. Mancherorts gib’s sogar Veggie Haggis. Auch andere lokale Gerichte sind sehr deftig, zum Beispiel Cullen Skink (Fischeintopf), frische Jakobsmuscheln oder frittierte Marsriegel. Jupp, abnehmen wird man hier eher nicht…

Herunter gespült werden die schottischen Delikatessen gern mit einem Schluck Whiskey, von dem es unzählige Varianten gibt. Zugegeben, wir sind keine großen Whiskey Fans und werden ihn nie mit „Light Drinking“ assoziieren, wie es uns die feenartige Kellnerin in einer Distillerie erklären wollte. Und an den verstrahlt aussehenden, orangen Energy Drink „Irn-Bru“ haben wir uns auch nicht gewöhnt. An Gin und die leckeren Biere aus Micro Breweries aber schon 😉

Eins bringt dich der schottischen Kultur sofort näher: Ausgehen. Etwa zum Sunday Roast, der Sonntagnachmittags im Pub für die ganze Familie angeboten wird, oder auf Festivals. Bekannt sind das Fringe Festival mit Bühnenkunst sowie das Neujahrsspektakel Hogmanay in Edinburgh, die Glasgow Summer Sessions oder das kostenlose Montrose Music Festival. Und jeden Sommer finden überall Highland Games mit Disziplinen wie Baumstammwerfen statt!

3. Camper Tourismus in Schottland: Schon auf der K(l)ippe?

„Es ist nicht schön, dass wir mit vielen ignoranten Fahrern zu tun haben oder nicht mehr am Strand parken können, weil dort nur Camper wie auf dem Zeltplatz stehen. Aber als jemand seine Campingtoilette in meiner Hofauffahrt leerte, war ich wirklich sprachlos.“ Sagte eine Schottin fassungslos, und bestätigte, dass sie und ihre Landsleute ihren Groll eher im Stillen austragen. So schön Roadtrips im Camper sind, so fragil ist die Idylle auf vier Rädern – was Sicherheit für alle und ignorantes Wildcampen angeht, das Verbote provoziert.

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3.1 Mangelnde Fahrsicherheit im Linksverkehr

Im vermeintlich einsamen Schottland ist auf den Straßen einiges los. Paradebeispiel ist die NC500 – die Nordküstenroute boomt, seit sie vom schottischen Tourismusbüro zusammen mit dem Luxusauto-Hersteller Aston Martin massiv beworben wurde, um Besucherzahlen in der Einöde anzukurbeln. Tja, das hat geklappt! Mittlerweile ist der Verkehr von PKWs, Wohnmobilen und Bikern so enorm, dass die Locals vom Stau genervt sind und es häufig zu schweren Verkehrsunfällen kommt. Wir wurden davon leider sogar Augenzeugen.

Laut Anwohnern und Behörden ist eine Gruppe besonders oft Unfallverursacher: Touristen, die Linksverkehr nicht gewohnt sind, und zum ersten Mal ein sperriges Wohnmobil mieten. Auf den teils einspurigen und engen Passstraßen haben sie es nicht unter Kontrolle oder lassen sich zu oft von der spektakulären Landschaft ablenken.

Gerade auf den Single Road Tracks ist vorausschauendes Fahren angesagt: Alle paar Meter kommt ein Passing Place, an dem man den Gegenverkehr oder schnelle Fahrzeuge hinter sich passieren lassen kann. Wer sich daran hält und freundlich grüßt, macht sich Freunde. Und trägt nicht zum (stillen) Groll der Schotten auf Campertouristen bei!

Schottland Roadtrip

3.2 Verantwortungsloses Wildcampen

Noch wird Wildcampen an vielen Orten toleriert, aber wenn sich Camper wie die Axt im Wald benehmen, wird es damit bestimmt bald vorbei sein. Dabei würde nur ein wenig Rücksicht helfen! Wir fanden einerseits Plätze am Meer, die manchmal mit kleinen Bade-Häuschen ausgestattet und explizit für Camper geschaffen waren. Andererseits gab es durchaus die Möglichkeit, in freier Natur zu parken und zu übernachten – gerade auf den Inseln machen das die Schotten am Wochenende selbst gern. Allerdings nur, wenn es genug Platz gibt und nahe Anwohner ausdrücklich einverstanden sind. Was aber gar nicht geht und (zurecht) Unmut gegen Vanlifer schürt:

  • Verbotsschilder ignorieren. Das bezieht sich nicht nur aufs Parken, sondern z.B. auch auf das unerlaubte Passieren von Privatgelände, Fliegen von Dronen in Vogelschutz-Gebieten oder Hundeausführen ohne Lein trotz frei herumlaufendem Vieh.
  • Kleine Parkplätze blockieren. Womöglich noch mit vielen anderen Campern. Wo es voll wird und ohnehin eng ist – weiterfahren!
  • Ausbreiten wie auf dem Campingplatz. Mit Tisch, Klappstühlen, Markise, und voller Wäscheleine dort stehen, wo auch andere Leute vorbeikommen? No Go!
  • Müll liegen lassen. Eigentlich versteht sich von selbst, dass so was nicht geht. Genauso wenig wie „Geschäfte“ in der freien Natur zu verrichten. Ein Camping-Klo im Auto muss sein! Und mancherorts (leider) auch ein Parkplatz Clean Up.
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Warum wild stehen, wenn es solche schönen Campingplätze am Meer gibt?

Auf manchen schottischen Inseln ist Wildcampen zum Schutz von Flora und Fauna erst gar nicht erlaubt. Dort stehst du jeden Tag auf einem der vielen kleinen Campingplätze – davon gibt es einige. Der Besuch lohnt allein wegen der teils schönen Lage und den heißen Duschen! Ansonsten kannst du auf Nachfrage ebenfalls an manchen Pubs nach dem letzten Pint parken. Noch ein letzter Tipp: Buch auch mal ein AirBnB. Ab und an können feste vier Wände auf einem langen Roadtrip schön sein!

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