Jules Ahoi: Wie der Surf Musiker loszog und seinen Saltwater Folk fand

by Heidi
Jules Ahoi Close ∏ Stephan van Fleteren

Vom beschaulichen Köllefornia hinaus in die weite Welt: Kaum ein anderer deutscher Musiker ist unter den Singer Songwritern bzw. in der Surfmusik momentan so erfolgreich wie Jules Ahoi mit seiner Band! Schon seit über 10 Jahren lebt der Wahl-Kölner mit der blonden Matte und tieeefen Stimme nach dem Rhythmus vom Meer – er surft leidenschaftlich gern Single Fins, liebt Roadtrips mit dem Bulli an die Küste und verdiente früher seine Brötchen als Surflehrer in Südfrankreich und Nordspanien. Musikalisch war Jules, der mit bürgerlichem Namen Julian heißt, eigentlich schon immer. Doch beim Songschreiben am Meer fand er diesen besonderen Zauber…

Heute ist Jules Ahoi für seinen eingängigen Saltwaterfolk in aller Welt bekannt. Er tourt als Musiker durch große Städte, spielt in ratzfatz ausverkauften Sälen und wurde zum Spotify-Phänomen, das jede gute Surfmusik Playlist ziert. Wir trafen den sympathischen Barden letzten Winter auf einer Surfauszeit in Sri Lanka – und haben die Zeit genutzt, ihn im Interview noch näher kennenzulernen. Dabei kamen einige spannende Anekdoten zum Vorschein… aber lies selbst. Ahoi! 

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(1) Jules Ahoi über seine musikalische Findungsphase

Hi Jules! Du bist ja wie viele von uns landlocked aufgewachsen. Wie nahm bei dir die Liebe zum Surfen eigentlich ihren Lauf?

Hi Heidi! Ja, geboren wurde ich in der Nähe von Osnabrück in einem kleinen Ort namens Melle. Aber auch dort gibts leider genauso wenig Meer wie an meinem jetzigen Wohnort Köln 🙂 Meine Liebe zum Meer und zum Surfen fand ich in Dänemark, in der Nähe von Hvide Sande. Schon beim ersten Mal hat es mich so gepackt, dass ich daraufhin mit frischen 18 Jahren meine Wahlheimat nach Kiel verlegte. Von hier aus versuchten das ein oder andere Mal unser Glück an der Ostsee und fuhren oft übers Wochenende zum Surfen nach Dänemark. (Anmerkung: Dazu passt Denmark, das neuste Jules Ahoi Video!)

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Vor ein paar Jahren hast du dein Studium an den Nagel gehängt und bist nach Frankreich ausgewandert, wo deine Karriere als Musiker Fahrt aufnahm. Warum gerade dort?

Meine Karriere als Musiker begann eigentlich schon viiiiiel viel früher… aber war bis dato so unerfolgreich, dass es eigentlich egal ist, haha. Mit 13 Jahren oder so fing ich als Schlagzeuger in einer Punkband an, die aber so scheisse war, dass wir sie schnell wieder aufgelösten. Dann hab ich witzigerweise Hip Hop gemacht, war sogar mal Vorband von Blumentopf und haute als Rapper 3 Alben raus. Zeitgleich brachte ich mir Gitarrespielen bei. Irgendwann wurde mir Deutsch Rap aber zu “Ghetto“ und ich verlor den Spaß daran.

Nach einer ziemlich wilden Stilfindungsphase gründete ich mit Freunden die Band Manua Loa – und ich behaupte nach wie vor steif und fest, dass wir die erste Indie-Surf-Folk Band Deutschlands waren. 🙂 Nach zwei EPs und einem Album ging das allerdings auch in die Brüche und ich schwor mir zu dem Zeitpunkt, mir nie wieder von irgendwem bei irgendetwas reinquatschen zu lassen. Etwa zur selben Zeit und mit derselben Einstellung hab ich mein Studium – das mich wirklich nur unglücklich machte – geschmissen und bin an die französische Atlantikküste gezogen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit war ich glücklich mit den Entscheidungen, die ich für mich selbst getroffen hatte, und ich spürte etwas Besonderes. Mein Herz begann zu leben! Also schrieb ich Songs wie ein Wahnsinniger, um diese ganzen Gefühle irgendwie zu verarbeiten. Frei von irgendwelchen Verpflichtungen, die uns diese Gesellschaft auferlegt, hatte ich das Bedürfnis, den Menschen zu erzählen, wie erlösend so ein Schritt aus der Komfortzone sein kann – auch wenn er nicht einfach ist.

Einblicke zu Jules Ahoi: (1) Glückliche Band, (2) auf zu neuen Wegen in Dänemark, (3) Songschreiben on the road, (4) Recording im Bus (Fotos 1 und 2 by Johanna Besseling)

Um dem Ganzen einen Kanal zu geben gründete ich Jules Ahoi & the Deepsea Orchestra. Ich fand es besonders witzig, einem Solo Projekt einem Namen zu geben, der impliziert dass eine 10-köpfige Band dahinter steht. Naja, irgendwann wurden wir ja wirklich zu einer Band, waren fast zwei Jahre auf Tour und verbrachten eine Menge Zeit miteinander – auf der Bühne und auf der Autobahn! Leider bahnte sich dann ein erneuter Bruch in meinem Herzensprojekt an und ich sah mich schon fast wieder am selben Punkt wie zuvor stehen.

Die ganze Geschichte als Musiker begann ja gerade richtig Fahrt aufzunehmen und beanspruchte so auch unendlich viel Zeit – nicht nur von mir, sondern natürlich auch von meiner Band. Nach vielen Gesprächen, Tränen und reichlichen Überlegungen kam es zu ein paar Wechseln in der Bandbesetzung. Am Ende blieb von der ursprünglichen Truppe nur noch Lotta übrig, und so beschloss ich, das Projekt in Zukunft nur noch „Jules Ahoi“ zu nennen. Sorry, das war jetzt ganz schön ausführlich, aber auch irgenwie notwendig, wenn man uns verstehen will 🙂

(2) Jules Ahoi über sein Leben als Musiker und die Band

Anders als andere Singer Songwriter bist du nicht alleine, sondern am liebsten mit deiner Band unterwegs. Wieso ist Musik für dich Teamsache statt Einzelkämpfertum?

Wenn man einmal erlebt hat, wie viel Energie diese Band, die da hinter mir steht, auf die Bühne bringt, dann weiß man sofort warum! Ich LIEBE wie wir musikalisch ineinander fließen und diese Songs live umsetzen. Ich genieße einfach jede Sekunde, in der ich mit der Gang auf der Bühne bin… Wirklich jede! Aber klar, ich mag auch intimere Konzerte, wo Musiker alleine mit der Gitarre auf einer Bühne sitzen und ihre Geschichten erzählen. Trotzdem würde ich immer ein Konzert mit Band bevorzugen.

Crew love is true love: (1) Jules und Lotta, (2) Spaß im Tour Bus, (3) Sunset Sesh in Dänemark (Foto by Joana Besseling)

Euer Erfolg kam ja mit dem Song Robinson Crusoe, als er in einer großen Spotify Playlist landete und euch quasi über Nacht eine halbe Million Klicks, viele Fans und die erste Tour bescherte. Aber machen solche Online Streaming Portale die Musik nicht zu einer noch brotloseren Kunst?

Ich werde das sehr oft gefragt und glaube nach wie vor, dass Streamingportale eine sehr gute Möglichkeit sind, um als Künstler überhaupt einen Einstieg in die Musikwelt zu erlangen. Es bietet halt unfassbare Möglichkeiten, als Musiker überhaupt Hörer für seine Kunst zu erreichen, die es nie zuvor in dem Umfang gab. Außerdem haben Spotify & Co. der Musikpiraterie zu 100% den Wind aus den Segeln genommen, was ein Riesenerfolg ist! Ich mein stell dir nur mal vor, die Leute würden auch nur ansatzweise die gleiche Menge Musik illegal downloaden und hören… Dann könnten wir alle gesammelt einpacken und Ciao.

Jules Ahoi City ∏ Johanna Besseling (8)

Spotify & Co.? Kann Chance sein aber auch einschränken… (Foto: Johanna Besseling)

Also hej, es ist schon gut dass viele Leute für Streaming überhaupt was zahlen! Da können sich manche ne Scheibe von abschneiden, zum Beispiel Konzertveranstalter die Musiker und Bands belabern wollen, für „ne Kiste Bier“ umsonst spielen zu dürfen. Machen wir uns nichts vor: Ohne Spotify würd ich jetzt wahrscheinlich in irgendeiner Höhle in Spanien leben. Deswegen, das ist schon okay so 😉

Auf der anderen Seite wird Musik natürlich gerade nur so durchgeballert. Es gibt unzählige Bands und jeden Tag unzählige neue Singles. Die meisten hören nur den „Mix der Woche“ und im Grunde ist es scheissegal, welche Band das jetzt ist. Hauptsache, der Algorithmus findet irgendetwas, das zum Rest passt. Das betrachte ich als Musiker natürlich kritisch, weil ich mir selbstverständlich wünsche, dass sich Menschen länger als nur einen Song lang mit meinem kreativen Schaffen befassen.

Heutzutage ist es die viel größere Herausforderung, den Sprung vom einmaligen Playlist-Erfolg zur Etablierung als Künstler in der Musikwelt zu schaffen. Das geht nur, wenn du dir live absolut den Arsch abspielst – und da gehören Konzerte vor 5 Leuten im 700 km entfernten Jugendzentrum genauso dazu wie die Samstagabend Headliner Show auf einem Festival.

Jules Ahoi - Stage ∏ Dan Petermann

Jules Ahoi spielen sich gern den Arsch für euch ab (Foto: Dan Petermann)

Neue Platte am Start, die neue Tour läuft, und fast alle Karten sind weg: Habt ihr einen guten Plattenvertrag und könnt von eurer Musik leben?

Gerade habe ich zusammen mit tollen Partnern mein eigenes Label MOON BLVD. Records gegründet, um weiterhin genauso unkompliziert Musik machen zu können wie bisher. Also im Prinzip heißt das: Ja, ich habe einen Plattenvertrag, nur dass ich als Künstler so deutlich mehr Entscheidungen mit treffen kann, als bei der herkömmlichen Variante. Dadurch bin ich aber natürlich auch viel mehr verantwortlich für das was passiert.

Alles ist gerade ziemlich spannend und ich kann schonmal verraten, dass für dieses Jahr noch einiges geplant ist! Und ja, die inzwischen fast ausverkaufte Tour ist für uns als ganz klare Liveband natürlich ein wunderschönes Kompliment! Wir freuen uns schon sehr, die neuen Songs auf die Bühne zu bringen und überhaupt… Tourleben ist das Beste!!! 🙂

Tourleben: Kleine Probe im Wald (Foto: Louis Bark)

Don’t need much but the feet in the sand

And a smile our your lips and your hand in my hand

I put some gas in my van and we leave from here… here

In between lines

We floating through light

Drifting away

Wave after wave

– Jules Ahoi, In Between Lines

(3) Jules Ahoi über die Liebe zum Meer und Surfen

Neben deiner Passion als Musiker brennst du ebenfalls fürs Surfen, hast sogar lange als Surflehrer gearbeitet und bist oft mit dem Bulli am Atlantik unterwegs. Was magst du an diesem salzigen Vagabundenleben?

Ich glaube, die tollsten Menschen der Welt hab ich in Frankreich am Strand oder im Pinienwald hinter der Düne kennengelernt. Dort hab ich so unendlich viele tolle Abende erlebt und so viele wunderschöne Sonnenaufgänge beobachtet! Mein Herz ist dort so oft verloren gegangen und ich hab es genauso oft genau dort wieder gefunden. Frankreich war eine Zeit lang meine Heimat, und eine Zeit lang hasste ich es auch, dort zu sein. Mein Verhältnis zum Leben dort ist also sehr ambivalent, was sich wohl niemals ändern wird.

Jules Ahoi - Van Life

Jules mit seinem alten VW Bulli in Südfrankreich

Nichtsdestotrotz zieht es mich jedes mal wieder hin und lässt mich gefühlsmässig einfach nur ausrasten. Das liegt gar nicht so sehr am surfen, viel mehr sind es die Leute, die ich so gern hab und die ich oft das ganze Jahr nicht sehe – nur immer wieder in Südfrankreich.

Apropos Surfen: Du bist bekennender Longboard Lover. Was macht für dich den Reiz am Wellenreiten mit nur einer Finne aus?

Ich hab für mich einfach herausgefunden, dass ich Shortboarden weder gut kann noch dass ich Lust auf die dahinter stehende Mentalität hab. Ich will nicht irgendetwas leisten, sondern mag einfach surfen gehen mit Freunden, Quatsch machen, zu dritt Wellen teilen…  Das ich ausschließlich Single Fin surfe hat sich über die Jahre so entwickelt, wobei ich auch alles andere mal ausprobiert habe 🙂

Jules Ahoi und Single Fins: (1) Hang Five, (2) Cross Step, (3) Down the Line, (4) Stoke (Fotos by Sidrisima)

Jules Ahoi steht für „Saltwaterfolk“ – wie wichtig ist das Meer bzw. Surfen für deine Kreativität? Und kannst du mit eurer Kunst vielleicht sogar häufiger am Meer sein?

Tatsächlich versuchen wir, wenigstens 1 oder 2 Gigs im Jahr am Meer zu spielen. Dieses und letztes Jahr waren wir zum Beispiel bei den adh Open in Seignosse-Océan, meinem ehemaligen Zuhause! Das ist natürlich für alle schön… ein bisi Urlaub zusammen als Band! In punkto Songwriting ist das Meer für den kreativen Prozess in dem Sinne wichtig, als dass ich einfach viel Zeit dort verbringe. Viele Geschichten, die ich in meinen Songs verarbeite, haben indirekt mit dem Meer zu tun bzw. sind in der Nähe des Ozeans passiert.

Surfen hat mit meiner Musik allerdings so gut wie nichts zu tun – außer vielleicht dass ich damit auch der Liebe zum Meer nachgehe. Das kommt durchaus mal in meinen Songs zum Ausdruck, aber eher weniger. Als Musiker verarbeite ich das Am-Meer-Sein vielmehr auf einer emotionalen Ebene als Ort, an dem ich mich geborgen fühle. Mein Safe-Place eben!

Jules Ahoi - Close ∏ Johanna Besseling (2)

Jules Ahoi trägt das Meer im Herzen (Foto: Johanna Besseling)

Du bist ein Reisender und gern unterwegs. Hast du schon deinen persönlichen Happy Place gefunden?

Mein momentaner Happy Place ist zum ersten Mal in meinem gesamten Leben nicht mehr irgendwo auf der anderen Seite des Planeten, sondern befindet sich genau hier an meinem aktuellen Wohnort in Köln-Ehrenfeld. Ich hab das erste Mal das Gefühl, zuhause zu sein. Das ist irgendwie etwas vollkommen Neues für mich und schwierig zu erklären. Ich glaube, da spielen eine Menge Faktoren mit rein… Zum Einen wohnt meine gesamte Band in Köln und es gibt wirklich absolut nichts, was mich glücklicher macht als mit diesen Menschen Musik zu machen. Dazu kommt, dass ich gerade wie ein Verrückter zwischen Management, Label und Tonstudios hin und her hüpfe und alles weitestgehend hier in Köln ist. Das macht‘s natürlich sehr viel einfacher, als wenn ich immer noch in Frankreich leben würde. Zum Anderen habe ich gemerkt:

Wenn ich am Strand lebe, werden die Probleme, die ein Leben als Künstler oft mit sich bringt, nicht weniger. Sondern sie verlagern sich nur an einen für mich fast schon heiligen Ort. Und das will ich einfach nicht – denn ich brauche diesen Ort, um irgendwann mal wieder Energie aufzutanken!

Jules zwischen Land und Meer: (1) Mit Bulli in Köln, (2) auf der Fahrt gen Frankreich (Foto by Dan Petermann)

Deshalb habe ich mich entschieden, meinen Lebensmittelpunkt als Musiker wieder nach Deutschland zu legen. Und jedes Mal, wenn ich etwas Zeit habe, nehme ich mir die Freiheit und fahre ans Meer. Um Anlauf zu nehmen für dieses verrückte Leben, welches ich gerade führe. Nichtsdestotrotz: Sollte es dein Traum sein, am Meer zu leben, dann kann ich dir nur raten, es auszuprobieren.

Die Zeit, in der ich in Frankreich gewohnt hab, war die schönste, emotionalste, freifühlendste, lehrreichste und zugleich schwierigste Zeit in meinem Leben. Aber wichtig war sie allemal.

Eins noch zum Schluss: Welche Musiker laufen bei Jules Ahoi selbst im Radio hoch und runter?

Wow, dass sind so viele! Hier ein paar meiner Liebsten gerade: Ben Howard, Bon Iver, Malena Zavala, Cinemagraph, Talk Talk, The Police, The Cinematic Orchestra, The War on Drugs und The National!

Danke lieber Jules für dieses tolle Interview! 

Wenn du mehr von Jules Ahoi wissen und vor allem hören willst, dann folge im unbedingt auch auf Facebook und auf Instagram. Dort erfährst du als erstes von neuen Live-Konzerten von ihm und seiner Band!

Titelbild: Jules Ahoi by Stephan van Fleteren.

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